Wima-Schweiz
vom 27.-31.07.1998

– von Monika Greiderer –


Schweiz Zeltplatz


6,00 Uhr früh morgens, Les Tuileries-de-Grandson bei Yverdon: Zwei besonders stolze Krähen schreiten majestätisch über das leere Fußballfeld des örtlichen Sportplatzes. Sie genießen es sichtlich, quasi als Alleinherrscherinnen das Terrain für sich zu haben. Nur wenige Meter weiter drängelt sich ein bunt gewürfelter Haufen von Zelten, Häring an Häring, Stoff an Stoff. Dies sind die eigentlichen Akteurinnen, die 337 Frauen aus 15 Nationen, mit fast ebenso vielen Motorrädern. Sie alle wollten sich keinesfalls das WIMA-Treffen der Eidgenossinnen entgehen lassen. Wie jedes Jahr sind sie in der letzten Juli-Woche zusammengekommen, um ihre internationale Rallye zu zelebrieren. Diesesmal in einem der stärksten Mitgliedsländer, der Schweiz.

Die aufgehendeSonne läßt Chromteile einer Harley Softail aufblitzen, die eingerahmt zwischen den stolz geschwellten Zylinderköpfen einer Moto Guzzi 900 und einer übermütigen Honda CR 200 steht. Diesen besonderen Glanz kann man sonst nur in den Augen ihrer Besitzerinnen wiederfinden, deren Töffs auf so sonderbare Namen wie „Thomapyrin“, „Ghandi“ oder aber „Claudia Schiffer“ oder „Berta“ hören. Aus dem von den Veranstalterinnen im Schweiße ihres Angesichts (37°) selbst aufgebauten Festzelt dringen leise Gitarrenklänge. Sie vermischen sich mit Tau und aufsteigendem Morgennebel zu einer leichten Melancholie. Es ist „der Morgen danach“, die fünfte von sechs Nächten und der harte Kern der WIMA-Frauen verpaßt diesen Sonnenaufgang traditionell nie. Es ist wie jedes Jahr: Beruf und Alltagsstreß werden eine Woche lang zu Nebensächlichkeiten und mit jedem Tag dieser Woche wachsen die so unterschiedlichen Typen Frau und Bikerin aus den verschiedensten Kulturkreisen mehr und mehr zusammen, werden eine große Familie. Für sie alle zählt in erster Linie das gemeinsame Hobby, die Freude an Spiel, Spaß, Lachen sowie die Akzeptanz und die hohe gegenseitige Toleranz.

Das größte Geschenk dieses Treffens ist wohl, daß jede ein bißchen davon mit nach Hause nimmt. Dafür wird auch die weiteste Anreise in Kauf genommen. So z.B. die Japanerin Akiyo Yamada, 28, die dieses Jahr gleich mit 10 Freundinnen über den großen Teich geflogen kam. Zum besseren Landesverständnis haben sie am Zeltplatz ein „Nepal-Village“ aufgebaut, mit Shop und Massage, in landestypischer Kleidung versteht sich! Oder Cecillia, 39, kam 2.100 Kilometer weit aus Schweden angereist. Statt der geplanten zwei Tage Anfahrt wurden es dann doch drei, weil ihr das Kunststück mißlang, auf ihrer Suzuki 1100 ein wohlverdientes Nickerchen zu halten. Die Berlinerin Manuela, 33, deren ganzer Stolz ihre Harley 1400 ist, war besonders von dem Spiel „Nabucco“ angetan. Dabei mußte beispielsweise ein ausgelostes Team von fünf Frauen, an den Knöcheln zusammengebunden, einen Parcours meistern. Spontan wurde dabei die Idee geboren, für evtl. Notfälle die „Betty-Ford-Klinik“ zu gründen. Passend zu den Infusionen, die natürlich hochprozentig waren, wurde noch ein eigenes Lied komponiert, um so den „Patientinnen“ zur schnelleren Heilung zu verhelfen. Die schönste Rallye die es je gab, schwärmt die Russin Olga, 51, aus Moskau und ist total begeistert vom Schweizer Team, das ihr für die kurvenreiche und landschaftlich einmalig schöne trecke oberhalb des Neuenburger Sees spontan eine Suzuki 500 organisierte. Das ist wahre Völkerverständigung! So traf die 28-jährige Maria aus Island, die mit ihrer Suzuki Intruder gerade eine 5-wöchige Europareise unternahm, auf Lydia aus Bremen. Bei der Frage nach dem Weg klärte Lydia sie über das Ziel ihrer Reise auf. Nun kann sich die WIMA eine Nation mehr auf ihre Fahne schreiben. Das sind Geschichten, die nur die WIMA schreibt.

Daß sie alle positiv enden ist auch dem großen und selbstlosen Einsatz der Veranstalterinnen zu verdanken. Die Schweizerinnen bewiesen bei dem Wochenprogramm für dieses Jahr besonders viel Fantasie und Engagement. Da wurde die Tischdekoration jeden Tag mit neuen Blumen aufgefrischt, da wurden die sanitären Anlagen eigenhändig geputzt (Gritli konnte es kaum fassen: 700! Rollen Klopapier - kam übrigens per Sponsor) und sogar das Feuerwerk wurde durch die Power-Frau Christa selbst gezündet. Jedes Spiel hatte einen eigenen Namen, wie z.B.: „Alli mini Äntli“ - bei dem die Frauen nach Stoppuhr durchs Wasser um eine Boje rennen oder „Lila Pause“ : Melkversuche am toten Objekt starten mußten.

Einer der Höhepunkte war zweifelsohne am Mittwoch abend, als die WIMA-Schweiz ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Dabei wurde auch die 1. WIMA Frau der Schweiz, Juliette Steiner, heute 81, sowie die Deutsche Ellen Pfeiffer, 66, geehrt für 40 Jahre WIMA-Zugehörigkeit. 6 weitere Schweizerinnen erhielten Ehrungen für ihr 20-jähriges. Die BMW (Schweiz) AG stiftete dazu übrigens für alle WIMA-Frauen ein Raclette-Essen. Zum Staunen und „Nachdieseln“ waren eindrucksvolle Fotos von früheren WIMA-Treffen auf einer Tafel zusammengestellt. Nachdem dann noch die eigens für diese WIMA und nur aus Schweizer-WIMA-Frauen zusammengestellte Band „Göre-Chöre“ auftrat, war die Stimmung im Zelt auf ihrem Höhepunkt angelangt.

Als am Abschlußabend, nach der Siegerinnenehrung, bei der auch die 12 teilnehmenden Kinder schöne Preise bekamen, die internationale Vorsitzende aller WIMA-Nationen, Sheonoagh Ravensdale aus England, ihre Bewunderung für die perfekte Organisation und ihren Dank den Schweizerinnen überbrachte, sprach sie wohl allen Teilnehmerinnen aus dem Herzen. Es war wirklich eine gelungene WIMA-Woche! Die deutschen Frauen, die die nächste WIMA in Tirol (A) ausrichten, haben mit ihrer Präsentation eines Original-Schuhplattlers bereits die Vorfreude auf eine zünftige WIMA 1999 geweckt.
Also dann: „Pack’ mas“. Servus, bis bald.